Juni 2008: 100 km von Biel

13-14. Juni 2008: 100 Kilometer von Biel

Unsere Ergebnisse:

Frank Nicklisch: 11:02:33 h

 

Laufbericht von Frank Nicklisch:

In der Abenddämmerung stehe ich in der Startaufstellung dicht gedrängt zwischen anderen Läufern. So langsam wird es dunkel und die Nervosität steigt. Die aufkommende Kälte lässt mich frösteln und ich überlege ob ich wirklich passend angezogen bin. Am Tag war es noch sonnig, aber gegen Abend kam etwas Wind auf und dunkle Wolken begannen sich zu verdichten. Ich stehe bei der 50. Auflage der Lauftage von Biel am Start des 100 km Laufes und warte darauf, dass es endlich losgeht..

Ich kann nicht ernsthaft behaupten, dass ich gut vorbereitet bin. Vor sechs Wochen bin ich die 24 Stunden von Steenbergen gelaufen und habe mir dabei einige Blessuren geholt, die noch immer nicht vollständig ausgeheilt sind. In der Folge war das Training der letzten Wochen doch eher minimalistisch.

Aber ich wollte an der Jubiläumsveranstaltung, der 50. Auflage des traditionsreichsten 100 km Laufes, auf jeden Fall teilnehmen. In den letzten Wochen habe ich mich bei meiner schlechten Verfassung damit motiviert, dass ich in Oberramsern oder Kirchberg aussteigen kann. Eher in Kirchberg, es sollten schon über 50 km sein. Oder vielleicht doch erst in Bibern, bei km 76, aber dann kann ich ja auch gleich ganz ins Ziel laufen. Abwarten was der Tag bringt.

Mein Zeitplan, den ich schon Anfang des Jahres aufgestellt hatte, sah vor mit einem Schnitt von 5:45 bis 5:50 zu starten und diesen Schnitt möglichst bis Kirchberg zu halten. Die Pausen an den Verpflegungsständen wollte ich auf das absolute Minimum reduzieren. Damit sollte eine Zielzeit von um die 10:30h möglich sein.

Doch jetzt waren andere Gedanken in meinem Kopf. Wird die Sehnenentzündung wieder aufbrechen, muss ich den Lauf abbrechen? Hält das Wetter? Ich laufe ohne Supporter, bin völlig auf mich allein gestellt und wäre bei starkem Regen zur Aufgabe gezwungen. Meinem Ziel ohne Pausen zu laufen kommt es zwar entgegen, doch bedeutet ein Betreuer an strategisch wichtiger Stelle doch immer eine Motivationssteigerung.

Die Minuten bis zum Start ziehen sich. Es wird langsam empfindlich kalt. Ich sehe mir die anderen Läufer an, die dick verpackt mit Jacken und langen Hosen in der Aufstellung stehen. Die frieren nicht! Ich stehe dazwischen mit halblangen Hosen und im T-Shirt. Ich habe lange überlegt, ob ich Handschuhe mitnehmen soll, habe mich dann aber dagegen entschieden. Ich muss schließlich alles bis zum Ziel selber tragen.

Neben mir steht ein Schweizer und ist sichtlich nervös. Wir kommen ins Gespräch und er erzählt mir das dies sein erster 100km Lauf ist. Er hat lange Hosen, Jacke und Stirnband an und wird mit dem Fahrrad begleitet. Wir lassen die Stimmung auf uns wirken und tauschen dabei Geschichten über vergangene Laufabenteuer aus.

Auf der Startertribüne werden jetzt die letzen Reden und Grußworte gehalten und ich prüfe noch einmal meine Ausrüstung. Ich habe auf alles verzichtet, was nicht zwingend notwendig ist. Lediglich den Trinkflaschengurt mit der 0,5l Flasche, gefüllt mit Wasser, Power-Gel und Salz, ein kleiner Vorrat Salz- und Kaliumtabletten, vier Päckchen Power-Gel und einige Papiertaschentücher habe ich dabei. Das muss reichen. Für den Notfall habe ich noch einige Schmerztabletten, die ich hoffentlich nicht nehmen muss. Am Oberarm aufgewickelt trage ich noch die Stirnlampe.

Es folgt der Countdown, dann der Startschuss. Ich starte meine Stoppuhr und warte darauf das es los geht. Langsam setzt sich der Läufertross in Bewegung. Einige tänzeln nervös auf den Zehenspitzen, aber ich gehe gemächlich in Richtung Startlinie. Endlich lichtet sich das Feld und ich kann Tempo aufnehmen. Ich wünsche dem Schweizer Glück und habe ihn bald hinter mir gelassen.

Jetzt bin ich allein mit mir. Die Zuschauer feuern uns an und ich beobachte die anderen Läufer. Aber ganz besonders intensiv beobachte ich mich selbst. Ist alles in Ordnung? Melden sich irgendwelche Probleme? Aber jetzt ist noch alles in Ordnung. Ich werde etwas ruhiger.

Am ersten Verpflegungsstand stauen sich die Läufer. Ich halte nicht an. Wir sind gerade mal 5 km gelaufen und ich habe ja meine Flasche. So langsam ist unsere Runde durch Biel beendet und wir kommen aus den Ort heraus. Es folgt der lange Aufstieg nach Jens. Irgendwie hatte ich das steiler und länger in Erinnerung und so geht es schon bald wieder bergab.

Es ist mittlerweile vollständig dunkel und es ist wesentlich dunkler als 2006, als ich zuletzt hier lief. Die Wolkendecke verdeckt fast immer den Mond und so bin ich schon bald auf meine Stirnlampe angewiesen.

Die Kilometer fliegen dahin und ich fühle mich gut. Mein Tempo pendelt sich bei 5:50 Min./km ein. Damit bin ich unwillkürlich bei meinem ursprünglichen Zeitplan angekommen. Mal abwarten wie weit ich damit komme.

Wir laufen durch Aarberg, über die historische Holzbrücke, und da ich weiß dass hier immer der Fotograf steht halte ich großzügig Abstand zu den vor mir laufenden. Ich fühle mich frisch und bin von mir selbst überrascht.

Doch plötzlich beginnen Bauchschmerzen, anfangs nur ein wenig, doch dann immer stärker. Ich denke an die Magen- Darmgrippe mit der mein Sohn Luca in den letzten Wochen gekämpft hatte. Ich hatte mich schon gewundert, dass ich mich noch nicht angesteckt hatte. Aber gerade jetzt? Das ist schon äußerst unpassend. Schließlich schlage ich mich seitwärts in die Büsche.

Mit rund fünf Minuten Zeitverlust, aber einer wesentlich besseren Allgemeinverfassung geht es weiter. Bisher bin ich die gesamte Strecke ausnahmslos gelaufen. Ich gestatte mir keine Gehpausen. So geht es weiter in Richtung Oberramsern. In den kleinen Orten die wir durchqueren sind wie schon vor zwei Jahren Tische vor den Wirtshäusern aufgestellt und die Leute schauen uns von dort aus zu, aber es sind weniger Zuschauer, wahrscheinlich aufgrund des kühlen Wetters.

Die lange Gerade vor Oberramsern zieht sich wie Kaugummi. Ich halte immer noch meinen Schnitt, aber die Muskeln hätten gerne eine kurze Pause. Ich handele mit mir aus durch Oberramsern zu laufen und erst bei der Steigung bei km 45 zu gehen.

Plötzlich ist Oberramsern vor mir und ich frage mich warum ich die Lichter nicht schon vorher gesehen habe. Am Verpflegungsstand trinke ich schnell ein paar Becher, fülle meine Flasche auf und verlasse den Ort sofort wieder. Ich laufen in einer großen Gruppe, die schon seit einigen Kilometern um mich herum ist. Alle laufen in etwa des gleiche Tempo, und so muss ich mich nicht auf mein Tempo oder die weitere Strecke konzentrieren. Ich bin jetzt seit 3:55 h unterwegs und es ist mittlerweile kurz vor zwei Uhr.

Plötzlich kommt uns auf einem schmalen Feldweg ein Radfahrer entgegen. Ich denke noch „was ist denn das für ein Idiot“ doch dann höre ich ihn rufen „Ihr seid falsch – alle zurück“. Es ist ein Streckenposten, der uns darauf aufmerksam macht das wir uns verlaufen haben. Ich bleibe erst einmal stehen und sehe mich um. Auch die anderen Läufer sehen recht ratlos aus. Aber dann kommt ein Pulk Läufer, die dem Radfahrer folgen und so drehe auch ich um. Die Motivation ist am Boden. Es dauert also noch länger bis ich meine „vereinbarte“ Gehstrecke erreichen werde. Ich schaue beim Zurücklaufen auf die Uhr und muss feststellen, dass ich einen Umweg von annähernd 3 km gelaufen bin.

Zurück auf der Strecke erreiche ich bald die Steigung und falle sofort in den Gehschritt. Am Ende der Steigung laufe ich locker weiter und wundere mich, wie gut es mir noch geht. Vor zwei Jahren hatte ich hier bereits Schmerzen im Oberschenkel. Jetzt ist nichts zu merken. Alle Gelenke und Sehnen sind in Ordnung.

Von jetzt ab geht es über Jegensdorf nach Kirchberg immer nur bergab. Wir laufen jetzt vornehmlich auf Schotterwegen und ich kann im Schein meiner Lampe nur mühsam die Schlaglöcher erkennen. Unterwegs überhole ich den Schweizer, der in der Startaufstellung neben mir gestanden hat und wir wechseln ein paar Worte. Er ist keinen Umweg gelaufen.

Ich laufe auf eine Läuferin und ihren Radbegleiter auf. Sie sind nur minimal langsamer als ich und so bleibe ich hinter ihnen, da wir gerade einen Querweg passieren und die Strecke zu unübersichtlich und uneben ist um zu überholen. Genau in diesem Moment stolpert die Läuferin über einen Stein und stürzt. Sie schlägt mit dem Kopf auf und bleibt benommen liegen. Ich bleibe sofort stehen und versuche ihr zu helfen. Erst nach mehreren Minuten kann Sie mit Hilfe Ihres Radbegleiters aufstehen und ich setze meinen Lauf fort. Meine Gedanken kreisen um den Sturz, und ich weiß das mir das auch jederzeit passieren kann und die übelste Strecke erst noch kommt.

Endlich kommt Kirchberg. Vor zwei Jahren war am Horizont bereits ein Hauch von Dämmerung zu sehen als ich hier ankam, heute ist es noch stockdunkel. Ich laufe durch Kirchberg und gehe hinter dem Verpflegungsstand einige hundert Meter während ich einige Becher Wasser trinke und einen Riegel esse. Dann laufe ich weiter in Richtung Ho-Chi-Minh-Pfad. Es ist vier Uhr.

Bald biegt die Strecke in den Wald ab und es wird noch einmal ein Stück dunkler. Die Stirnlampe verbreitet ein fahles Licht in dem nicht wirklich viel zu sehen ist. Eine Gruppe von drei Läufern überholt mich und ich schließe mich ihnen an. Wir laufen mit einem Schnitt von 6:10 Min./km über den schmalen unebenen Weg. Nach einiger Zeit wird der Untergrund noch schlechter und es liegen Steine auf dem Weg und Baumwurzeln lassen einen verzweifelt nach einem sicheren Tritt suchen. In der Gruppe läuft es sich wesentlich einfacher, denn ich kann an den Bewegungen der voranlaufenden erkennen wenn sie auf Hindernisse stoßen. So komme ich zügig über diese Trailstrecke.

Als wir den Wald verlassen lege ich erst einmal eine Gehpause ein. Das Tempo im Wald war doch etwas hoch für mich. Aber dann laufe ich weiter nach Gerlafingen. Am Horizont sieht man es schwach dämmern und ich kann meine Lampe ausmachen.

Ich gehe jetzt schon bei kleinen Steigungen, laufe dafür aber zwischen den Gehpausen schneller als bisher. Mein Lauftempo pendelt sich bei 5:30 ein, aber durch die Gehpausen wird es insgesamt doch deutlich langsamer.

Jetzt geht es Richtung Bibern. Vor zwei Jahren habe ich an den leichten aber langen Steigungen viel Zeit verloren. Diesmal sollte das anders werden. Im steten Wechsel zwischen gehen und schnellem Laufen bewegte ich mich zügig voran. Einigen anderen Läufern mag es verwundert haben, dass ich sie beim Laufen locker überholt habe, sie mich aber bei meinen Gehpausen wieder eingeholt und überholt haben. So manchen Läufer habe ich auf diesem Stück 10 mal überholt. Mit der Zeit wurde mir das schon peinlich.

Ich erreiche Bibern um 6:23 Uhr, trotz Umweg 40 Minuten vor der Zeit von 2006. Ich halte mich nicht lange auf und gehe konsequent die Steigung hinter Bibern hoch. Auf der folgenden steilen Bergabstrecke nach Arch spüre ich das erste Mal ernsthafte Schmerzen. Meine Kniescheiben schmerzen aufgrund der hohen Belastung. Ich hoffe dass das Gefälle bald ein Ende nimmt, sonst muss ich noch bergab gehen.

In Arch angekommen lassen die Schmerzen bald nach. Weiter geht es an der Aare entlang in Richtung Büren. Ich schaue mich immer wieder in Richtung Osten um, ob die Sonne bereits zu sehen ist. Aber noch ist sie nicht zu sehen und ich laufe weiter in der Hoffnung dieses Jahr nicht in der prallen Sonne laufen zu müssen.

Mittlerweile ist mein Tempo langsamer geworden und ich schließe mich anderen Läufern an, denen ich dichtauf hinterherlaufe. So kann ich wieder einige Kräfte sammeln. Doch die langsam aufkommenden Muskelschmerzen werden von Kilometer zu Kilometer stärker.

In Büren überqueren wir die Aare und es geht über ein offenes Feld in Richtung Pieterlen. Ich laufe wieder im Wechsel zwischen Gehen und Laufen und beginne meine Zielzeit hochzurechnen. Noch sind 10 km zu laufen und ich könnte beim gegenwärtigen Tempo leicht unter 11 Stunden bleiben.

Wir überqueren eine Landstraße und erreichen den Wald. Die Bäume bieten jetzt Schutz vor der Sonne, die sich mittlerweile zwischen den Wolken zeigt. Aber mit dem Wald kommen auch wieder die Steigungen. Auf einer welligen Strecke geht es durch Pieterlen und weiter in Richtung Biel.

Meine Gehpausen werden länger und meine Hochrechnung gerät mehr und mehr ins Wanken. Ich muss an Tempo zulegen wenn ich es noch schaffen will oder zumindest mein Tempo halten, aber es gelingt mir nicht. Der Tiefpunkt ist erreicht, als ich hinter km 97 auf meiner Uhr sehe, dass ich bereits 100 km gelaufen bin – in 10:44 h. Aber es liegen noch 3 km vor mir und die kann ich nicht mehr in 15 Minuten schaffen. Ich laufe locker weiter.

Bei km 98 überfällt mich währen einer Gehpause der Gedanke an meine Bestzeit. Die liegt bei 11:03 h und die kann ich noch unterbieten – wenn ich jetzt Tempo zulege. Ich laufe locker los und steigere langsam das Tempo. Ich laufe sehr konzentriert um die Muskeln nicht zu überlasten. Beim Blick auf die Uhr stelle ich überrascht fest dass ich gerade mit einem Tempo von 4:37 Min./km laufe. Ich halte das Tempo bei und versuche es so lange wie möglich zu halten. Dann gehe ich ein paar kurze Schritte und laufe wieder los. Wieder geht das Tempo bis auf 4:30, so dass ich diesen Kilometer in 4:50 Minuten zurücklege. Ich habe eine reelle Chance meine Bestzeit zu knacken.

Angespornt von dieser Idee laufe ich weiter im hohen Tempo. Ich muss immer wieder mal ein paar Schritte gehen, aber ich laufe sofort weiter. Von schmerzenden Muskeln ist nichts mehr zu spüren, lediglich die Erschöpfung nimmt rapide zu. Auf der Zielgeraden stehen bereits die Zuschauer und obwohl ich gerade jetzt wieder eine Gehpause machen möchte, lasse ich mich von den Zuschauern in Ziel treiben. Als ich um die letzte Kurve komme sehe die Uhr über dem Ziel bei 11:02:24 h. Ich laufe jubelnd die letzten Meter und bin überglücklich endlich im Ziel zu sein. Mit 11:02:33 h habe ich nicht nur meine schnellste, sondern mit 103 km auch die längste „Nacht der Nächte“ geschafft.

Zur Website des Veranstalters: www.100km.ch