Juni 2006: 100 km von Biel

09. Juni 2006: 100 Kilometer von Biel

 

Die längste Nacht des Jahres

Laufbericht von Iris Hadbawnik

Nach einer bislang relativ durchwachsenen Saison, welche, geprägt von Hüftleiden, zu einem erheblichen Trainingsausfall führte, sollte es nun soweit sein: Wir waren auf dem Weg nach Biel.

Nach Ankunft, Zeltaufbau und Abholden der Startunterlagen blieben uns noch 4 Stunden bis zum Start. Nach einer kurzen Ruhe- und Meditationsphase – bei der durch das hektische Gewusel außenrum nicht wirklich die gewünschte Entspannung aufkommen wollte, verging die Zeit wie im Flug.
Schon war es soweit sich für den Start vorzubereiten. Aber das war nicht so einfach… Was werde ich alles brauchen? Was könnte für Notfälle nützlich sein und von meiner Schwester an die vereinbarten Treffpunkte transportiert werden? Nach einigem hin und her, umfangreichen Diskussionen über den Sinn und Unsinn der Ausrüstung war es soweit sich in Richtung Ziel zu bewegen.

Da standen wir nun, in einer ruhigen und sehr auf sich selbst konzentrierten – ja fast schon langweiligen – Läufermasse von etwa 1.300 Startern. Ich vermisse die witzige ausgelassene Stimmung des Läuferfeldes vor einem Marathon. Also sind doch nur überwiegend Einzelkämpfer unter den Ultramarathonis zu finden? 

Der Start

Pünktlich um 22 Uhr fällt der Startschuss. Ein letztes Winken und schon sind wir unterwegs. Unterwegs zu einem 100-KM-Abenteuer dessen Ausmaße zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht zu fassen sind. Was wird die Nacht bringen? Wird mein Körper diese Strapazen aushalten? Jetzt nur nicht verunsichern lassen. Einfach nur locker mit der Masse mittraben.

Die ersten Kilometer durch Biel sind gesäumt von applaudierenden Menschenmassen. Ich „fliege“ nur so an ihnen vorbei und bleibe jederzeit meinem Motto „den Lauf langsam anzugehen“ treu. Etliche Stürze aufgrund unzureichend gekennzeichneter Verkehrsinseln zeichnen die ersten Meter. Erste Laufbekanntschaften werden geschlossen. Einer erzählt, dass dies nach einem Marathon und einem 50-Kilometer-Lauf nun sein erster 100er sei. Ein anderer berichtet, dass nun mit dem Start in Biel das letzte Geld für diesen Monat aufgebraucht sei (es ist der 9. Juni). Und ein weiterer ruft plötzlich: “Hey Joey, bist du auch mal in Biel dabei?“ Nach einem dezenten Blick zurück erkenne ich ihn tatsächlich: gemeint ist Joey Kelley. “Ja“, antwortet er, „ich hab zwar keine Zeit mehr zum Trainieren – nur noch zum Starten.“ Schließlich habe er mittlerweile 3 Kinder. „Glückwunsch“ ruft der andere, „ich habe erst 2 Kinder!“ Jeglichen Kommentar meiner Kinderlosigkeit hab ich mir, inmitten dieser scheinbar äußerst fruchtbaren Läufer, lieber verkniffen. 😉

So unterhaltsam sind bereits die ersten Kilometer absolviert, bevor sich bei Kilometer 6,5 die erste größere Steigung ankündigt. Die ersten gehen jetzt. Wie, jetzt schon?? Das sehe ich gar nicht  ein. Also laufe ich mit lockerem Tempo den Berg (der sich ewig in die Länge zieht) hinauf und wieder hinunter. Als das „Hinunter“ kein Ende mehr zu nehmen scheint, meldet sich schon ein erstes Ziehen in meinen Knien. Es ist ihnen nicht zu verübeln, leider blieb mein Berglauf-Training in den letzten Wochen etwas auf der Strecke…. Mit allem hätte ich gerechnet: mit meinem Hüftleiden, Schmerzen in den Fußgelenken, aber in den Knien… das war neu…!

So bin ich unendlich froh, als die Strecke endlich wieder relativ flach wird. Ich versuche mich mit dem Schmerz zu arrangieren und laufe mein Tempo weiter. Viel mehr Gedanken mache ich mir darüber, dass ich bei Kilometer 20 noch immer kein Gel zu mir nehmen kann. Mein Magen fühlt sich an, als hätte ich einen Stein verschluckt – dabei war es doch nur ein PowerBar-Riegel 2 Stunden vor dem Start. Erst bei Kilometer 30 und einem kräftigen Schluck Cola spüre ich eine leichte Besserung. Ich bin beruhigt und kann nun meinen Verpflegungsplan einhalten.

Unterwegs

Die Strecke ist einfach Wahnsinn! Eine Abwechslung von einsamen Feldwegen mit sternenklarem Himmel und partymässigen Städten (pures Gänsehaut-Feeling in Aarberg), von idyllischem Läuten von Kuhglocken und fetzigen Tönen der Livebands. Das „hop, hop, hop“ der Anwohner wird die ganze Nacht hindurch mein ständiger Begleiter sein. Genauso wie das ständige Auf und Ab des Streckenprofils. Kurzum, es wird nie langweilig oder eintönig und ich freu mich schon riesig auf das erste Zusammentreffen mit meiner Schwester bei Kilometer 38,5….4:35 Stunden bin ich bis hierhin unterwegs. Ich bin fit und frisch und wundere mich, wie viele Läufer jetzt bereits schon gehen. Oder ist das nur Taktik und Zeichen einer besonders schlauen Renneinteilung??

Nach einem kurzen Plausch mit meiner Schwester bin ich nach 5 Minuten bereits schon wieder auf der Strecke und gespannt auf die weiteren Erlebnisse der Nacht.

Das nächste Teilstück ist geprägt von Steigungen und einem wunderschönen Monduntergang. Mit den Läufern komme ich immer mal wieder ins Gespräch. Aber erst etwa 10 Kilometer vor Kirchberg treffe ich auf einen Mitläufer, der auch genau mein Tempo läuft. So traben wir gleichmässig, fast ohne Worte nebeneinander her und genießen die Landschaft. Überholen etliche Läufer und versuchen nicht von einem der zahlreichen Fahrrad-Begleiter angefahren zu werden. Mir geht es gut – aber an den Verpflegungsstellen merke ich langsam, dass es mir immer schwerer fällt, wieder loszulaufen. Ich zähle die Kilometer bis Kirchberg (KM 56). Und wie eine Motivationsspritze wirkt der Gedanke, dass dort erneut meine Schwester mit dem kiloschweren Rucksack auf mich wartet.

Nachdem ich kilometerlang vergeblich auf eine Kilometermarkierung gewartet habe, taucht plötzlich in einem Ort der Busbahnhof auf. Das muss Kirchberg sein. Ich sehe auch schon meine Schwester, die wie kurz vorm Einschlafen auf einer der zahlreichen Bänke sitzt. Kurz denke ich daran, wie schön es wäre, einfach mit ihr gemeinsam mit dem Bus nach Bibern (KM 77) zu fahren. Aber weder meine Schwester – noch mein Ehrgeiz hätten dies an dieser Stelle zugelassen. Dafür war ich mental einfach noch zu frisch. Meine Beine jedoch zitterten um die Wette, wenn ich stand – ob aus Kälte oder aus Erschöpfung war nicht wirklich definierbar.

Ho-Chi-Minh-Pfad

Also weiter Richtung Ho-Chi-Minh-Pfad. Mittlerweile war es kurz vor 5 Uhr und ich konnte getrost ohne mein Stirnlämpchen weiterlaufen. Den Emmedamm lerne ich als Aneinanderreihung von schmalen Waldpfaden kennen. Teilweise beschwerlich durch zahlreiche Steine und Wurzeln zu bewältigen. Nervig ist es auch, auf diesem schmalen Pfad zu überholen, also beschloss ich, an Tempo zuzulegen, um so schnell wie möglich hier wieder raus zu kommen. Nach endlos langen und zähen Kilometern an einem super schönen Fluss entlang, kam dann endlich die erlösende Verpflegungsstelle in Sicht.

Und auch „er“ war  schon da. Erkannt hab ich diesen Läufer immer nur daran, dass er, ungelogen an wirklich jeder V-Stelle nach Cola-Rum verlangte….

Nach einem Gang zur Toilette – und der entscheidenden Frage – wie komme ich die Stufen aus dem Toilettenwagen wieder hinunter (genau: unter grausamen Schmerzen!!) ging es weiter in Richtung Bibern.
Ein älterer Läufer spricht mich an „Du bist immer schneller als ich!“ Und es stimmt, alle Läufer, die ich zuvor überholt hatte, sind jedes Mal nach den V-Stellen wieder vor mir. Also auf ein Neues….

Endlich wieder Zivilisation. Doch die Freude hält nicht lange an. Der Weg nach Bibern führt über eine lange, flach ansteigende Steigung. Und in Bibern wollte ich nur noch eines: meine Schuhe wechseln. Welche eine Wohltat wird dies für meine Füße sein!!
Meine Schwester – diesmal in eine dicke Decke eingewickelt – steht in Bibern „bibbernd“ an der Strecke und wartet auf mich. Ja, die Nacht scheint recht frisch gewesen zu sein. Doch jetzt mit der steigenden Sonne steigen auch langsam die Temperaturen.

Es ist kurz vor 8 Uhr als ich in Bibern den Berg Richtung Arch hochschleiche. Etwas ungewohnt, jetzt mit den neuen Schuhen, aber bereits nach wenigen Kilometern konnte ich wieder halbwegs normal laufen.

Hatte ich mich die letzten Stunden noch über meinen recht frischen Zustand gefreut, so kam es zwischen Kilometer 83 – 86 recht heftig. Die Sonne brannte unentwegt ohne Schutz auf mich nieder. Keinen einzigen Flecken Schatten gab es an der Aare entlang. Und kurz vor Büren hatte ich das Gefühl, mein Kreislauf hätte nun auch langsam genug. Ein Bouillon und eine Abkühlung im Brunnen waren meine Rettung. „Wer hätte gedacht, dass es jetzt doch so anstrengend wird“, sage ich zu einem der Läufer, die es sich auf der Bank gemütlich gemacht haben. Das kommt jetzt nur durch die Sonne. Und ein anderer meinte gleich: „Das war mein letzter 100er!“ „Jaja, das sagt man jedes Mal“, erwiderte der andere. Und alle lachen.

Das Ziel in greifbarer Nähe

Aber wirklich: mit dem Gedanken, bis ins Ziel keinen einzigen Schritt mehr laufen zu können, mache ich mich „walkenderweise“ auf den weiteren Weg. Jetzt war ich richtig wütend auf mich und beschloss zukünftig nur noch  kürzere Wettkämpfe zu bestreiten. Höchstens einen Marathon. Aber so was… nein, das gibt es nicht noch mal…! Mit dieser Wut im Bauch gelang es mir sogar beim Walken noch ein paar Läufer einzusammeln – aber leider auch einige Läufer mich. „Die nehmen wir mit, die läuft gut“, höre ich von hinten. Aber ich konnte nur noch dankend ablehnen – so sehr war ich in meinem Tief gefangen.

Immer konkreter wurde der Gedanke: Iris, wenn du läufst, bis du schneller im Ziel und das Drama hat früher ein Ende… also fass ich den Plan: ab Kilometer 95 laufe ich einen Kilometer und einen gehe ich. Immer schön abwechselnd. Ja, das hörte sich gut an.
Und kaum zu glauben: bei KM 95 konnte ich tatsächlich wieder in den Laufschritt fallen. Sogar mit weniger Schmerzen, als ich dachte. Kommt da langsam wieder meine Energie zurück…??

„Ihr seid alle Könige!“, ruft uns ein Mann an der Strecke zu. Ich könnte ihn küssen und laufe weiter. Laufe auch weiter, als der Kilometer längst zu Ende war und ich eigentlich gehen wollte. Laufe weiter, weil ich in der Ferne bereits Biel erkennen konnte. Sehe schon von weitem das Eisstadion. Dort ist der Zeltplatz und dort ist das Ziel!

Und irgendwann sehe ich die Markierung: Kilometer 99. Nur noch einen Kilometer zu laufen. Wahnsinn! Der Läufer vor mir ist schon wieder am Gehen, aber ich bin jetzt voller Energie. Es geht über eine Kiesgrube über einen Feldweg in Richtung Eissporthalle. Und hier stehen wieder mehr Leute am Wegesrand. Sie jubeln mir zu. Und ich kann nur noch mühsam meine Tränen zurückhalten. So überwältigt bin ich.

Jetzt ist es gleich geschafft. Ich sehe Frank im Zieleinlauf, der Stadionsprecher nennt meinen Namen und ich laufe nach 13:03 Stunden über die Ziellinie. Voller Freude und Erschöpfung kann ich mich nicht mehr beherrschen und lasse nun meinen Tränen freien Lauf.

Zur Website des Veranstalters: www.100km.ch

Unsere Ergebnisse:

Iris Hadbawnik: 13:03:17 h (4. Platz AK)
Frank Nicklisch: 11:48:42